Sarah: Als Mädchen im Stahlunternehmen?!

Mein Praktikum bei der Salzgitter AG

Meine ersten Assoziationen zu der Stahlindustrie waren ziemlich eindeutig: Laut, dreckig und definitiv kein schöner Arbeitsplatz. Hätte man mich vor einem Jahr gefragt, ob ich jemals in einem Stahlwerk arbeiten wollen würde, wäre meine Antwort definitiv „Nein“ gewesen. Heute, im Januar 2019, arbeite ich genau da und das schon seit knapp 4 Monaten, obwohl ich mir das nie im Leben hätte vorstellen können. Und ich muss zugeben, ich habe diesem Industriezweig immer Unrecht getan. Diese schwere Industrie ist natürlich laut und dreckig, aber deshalb in keinem Fall ein schlechter Arbeitsplatz, im Gegenteil.

Ich mache mein Praktikum im Warmbreitbandwalzwerk (ich weiß, das ist ein sehr langes Wort, deshalb gibt es eine Abkürzung: Warmwalzwerk). Um dir mal ganz kurz meinen Arbeitsplatz vorzustellen: Das integrierte Hüttenwerk der Salzgitter Flachstahl besteht aus den Hochöfen, hier wird aus dem Erz Roheisen erzeugt und dem Stahlwerk, wo aus dem Roheisen der Rohstahl hergestellt wird, indem dem Roheisen verschiedene andere Elemente hinzugefügt werden. Der Rohstahl wird in sogenannte Brammen, die kann man sich wie große Bauklötze vorstellen, gegossen und dann ins Warmwalzwerk geliefert. Wir stellen nun aus den heißen Brammen sogenanntes Warmband her, walzen die Brammen also in kilometerlange Bänder, die dann aufgewickelt werden und weiterverarbeitet werden können, zum Beispiel zu Rohren.

Um Stahl überhaupt so dünn walzen zu können, müssen die Brammen auf 1200°C erhitzt werden und dann in zwei Walzschritten, der Vor- und der Fertigstraße, gewalzt werden. Dadurch, dass der Stahl so heiß ist, ist es nicht nur laut und dreckig, sondern auch noch sehr, sehr warm. Meine Befürchtungen wurden also sogar noch übertroffen. Ich habe mich damals trotzdem für diese Stelle beworben, weil sie mich inhaltlich am meisten interessiert hat. Diese Entscheidung hat sich als die beste, die ich hätte treffen können, herausgestellt. Meine Vorurteile gegenüber der Stahlindustrie hatten sich spätestens nach dem Vorstellungsgespräch in Luft aufgelöst, weil ich im Anschluss an das Gespräch eine Führung im Warmwalzwerk bekommen habe. Mit dem Moment, in dem ich die Halle betreten habe und die riesigen Maschinen und die heißen Brammen auf dem Rollgang gesehen habe, war ich total davon gefesselt. Jede Information, die ich erhalten habe, hat mich mehr und mehr fasziniert, sodass ich mir sicher war, dass ein Praktikum im Warmwalzwerk für mich niemals langweilig sein könnte und genau so war es dann auch. Mit jedem Mal, wenn ich durch die Anlage und manchmal sogar in die Anlagenteile gegangen bin, habe ich ein besseres Verständnis für die Abläufe bekommen und besser verstanden, wie die Anlage funktioniert. Ich muss allerdings sagen, dass die Prozesse so komplex sind, dass ich bis heute bei weitem nicht alles weiß, was es zu wissen gibt. Und obwohl ich immer mehr Informationen über die Anlage erhalten habe, finde ich es immer noch unfassbar, dass ein so massives Material so „einfach“ umgeformt werden kann. Das Faszinierendste ist aber mit Abstand die Anlage an sich. Sie ist in der Lage ungeheure Kräfte aufzuwenden und dabei, verhältnismäßig, wenig zu verschleißen.

Meine Aufgaben, die ich eigenständig bearbeiten soll, machen mir auch sehr viel Spaß und sie sind sehr abwechslungsreich. In den ersten drei Monaten habe ich mich viel mit Arbeitssicherheit beschäftigt und Unterweisungen gestaltet. Aktuell beschäftige ich mich viel mit Datenauswertungen, was ja ein ganz anderes Aufgabengebiet ist. Bei dieser Aufgabe ist mir nochmal die Komplexität der Anlage bewusst geworden. Außerdem zeigen mir diese Auswertungen, dass es unendlich viele variable Prozessparameter gibt, die alle optimal eingestellt sein müssen, um ein optimales Produkt zu erhalten, was ein „perfektes“ Produkt fast unmöglich macht.
Weil mich die Anlage und die Prozesse so sehr interessieren, und ich die Aufgaben eines Ingenieurs/einer Ingenieurin an sich sehr interessant finde, habe ich mich dazu entschieden, Maschinenbau zu studieren. Außerdem habe ich in meiner Zeit sehr viele verschiedene Arbeitsplätze mit ganz unterschiedlichen Aufgabengebieten und Zielen kennengelernt. Gerade die Ziele, die hinter den Arbeiten stecken, sind sehr variabel und dadurch teilweise auch gegensätzlich (ein Produktioner möchte eine möglichst hohe Auslastung der Anlage erreichen, während andere Mitarbeiter versuchen, die Anlage hinsichtlich Qualität zu optimieren. Diese beiden Ziele schließen sich beinahe gegenseitig aus.)

Um auf meine Anfangsfrage zurückzukommen: Ja, Stahl und Mädchen passen definitiv zusammen. Auch wenn wir in der Minderheit sind, kann es uns genauso viel Spaß machen wie einem Mann und die gleiche Arbeit machen wir auch (bestimmt auch teilweise besser als die Männer).
Was ich dir in jedem Fall noch mit auf den Weg geben möchte ist, dass du dich mit der Teilnahme am Niedersachsen-Technikum nicht gleich für dein Leben lang festlegst. Ein mögliches Ergebnis von dem Praktikum könnte auch sein, dass du merkst, dass du doch lieber etwas anderes in deinem Leben machen möchtest. Egal ob Maschinenbaustudium oder Pflegeausbildung: jede Entscheidung am Ende ist die Richtige für dich, also probiere es doch einfach aus und mach mit.