Grußwort des Niedersächsischen Ministers für Wissenschaft und Kultur

Björn Thümler MdL

"Vor welche Herausforderungen stellt der digitale Wandel die Hochschulen mit Blick auf Gender- und Diversity-Aspekte? Dieser Frage wendet sich Ihre heutige Tagung zu. Wenn es darum geht, die Chancen der Digitalisierung für das Land zu nutzen, kommt den niedersächsischen Hochschulen in vieler Hinsicht eine zentrale Bedeutung zu.

Auf der einen Seite sind wir in der digitalen Transformation auf akademisch qualifizierte Fachkräfte angewiesen. Gleichzeitig sind die Hochschulen gefragt, wenn es um den nötigen Erkenntnisgewinn zur Weiterentwicklung, zu den Folgen und zum gesellschaftlichen Umgang mit der Digitalisierung geht. Deshalb fördert das Land die Einrichtung von bis zu 50 unbefristeten Digitalisierungsprofessuren an den staatlichen Universitäten und Fachhochschulen. Dafür stehen jährlich 8,76 Mio. Euro zur Finanzierung der Professuren im Landeshaushalt bereit. Flankierend wird die VolkswagenStiftung die Arbeit der Professuren über das Niedersächsische Vorab mit weiteren ca. 40 Millionen Euro fördern.

Von den Digitalisierungsprofessuren erhoffen wir uns, dass sie die Vermittlung grundlegender digitaler Kompetenzen im Studium nachhaltig voranbringen. Das ist nicht nur für die Wettbewerbsfähigkeit des Wissenschaftsstandortes Niedersachsens wichtig. Auch Wirtschaft und Verwaltung sind immer stärker auf informationstechnische Fachkräften und digital kompetenten Expertinnen und Experten angewiesen. Inhaltlich liegt der Schwerpunkt natürlich im Bereich der klassischen Informatik. Durch die Professuren werden nicht nur sukzessive die Studienanfängerkapazitäten erweitert, es bietet sich auch die Chance, das Studienangebot inhaltlich zu verbreitern und zu bereichern. Aber auch andere Fächer außerhalb der Informatik können mit überzeugenden Konzepten an den Digitalisierungsprofessuren teilhaben. Schließlich betrifft die digitale Revolution sämtliche Lebensbereiche und wirkt sich damit auch akademisch außerhalb der informationstechnischen Fächer aus. In diesen Zusammenhang gehören auch die Gender- und Diversity-Aspekte der Digitalisierung. Den Berufungsverfahren für die Digitalisierungsprofessuren liegen zudem die „Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards“ der DFG zugrunde.

Die große Gesellschaftsstudie D21-Digital-Index bietet ein jährliches Lagebild zum Digitalisierungsgrad der Gesellschaft in Deutschland. Sie hat einen deutlichen „Gender-Gap“ ausgemacht: Unterschiede zwischen den Geschlechtern treten nicht nur bei über 50-Jährigen auf. Die Studie hat gezeigt, dass auch Frauen unter 20 Jahren intelligente Geräte deutlich weniger nutzen und sich für sie interessieren als gleich alte Männer. Gleiches gilt für die Kompetenz, technische Geräte zu programmieren und zu installieren. Daraus ergibt sich die Gefahr, dass Stereotypen aus der „analogen Zeit“ über die digitale Transformation hinauswirken und sich weiter verfestigen. Der Blick sollte sich also darauf richten, wie der Unterschied zwischen Männern und Frauen bei den digitalen Kompetenzen möglichst frühzeitig thematisiert und analysiert werden kann. Nur dann lassen sich Wege finden, Chancengerechtigkeit auch unter den Rahmenbedingungen der Digitalisierung zu wahren.

Eine Möglichkeit hierzu bietet das erfolgreiche Niedersachsen-Technikum zur Gewinnung des weiblichen Nachwuchses für MINT-Berufe. Das Niedersachsen-Technikum wird aktuell an sieben Hochschulen und Universitäten des Landes angeboten. Dazu kooperieren Hochschulen und Universitäten mit etwa 100 Unternehmen und bieten Abiturientinnen eine sechsmonatige Orientierungsphase in MINT-Berufen. Das Konzept bewährt sich im Erfolg: 90 Prozent der Teilnehmerinnen entscheiden sich später für ein Studium oder eine Ausbildung im MINT-Bereich. Die Einbeziehung von Aspekten der Digitalisierung in das Niedersachsen-Technikum kann es den Abiturientinnen ermöglichen, ihre Kompetenzen in diesem Feld zu stärken. Dazu gehören zum Beispiel die App-Entwicklung oder das Programmieren. Für die Lehrenden bzw. Unternehmen bedeutet das, ausgewählte Beispiele zur Digitalisierung in den MINT-Fächern vorzustellen und Gender- und Diversity-Aspekte einzubeziehen. Es kommt dabei vor allem darauf an, Rollenvorbilder vorzustellen, Themen auszuwählen und Methoden zu erproben, die sich an den Interessen junger Frauen orientieren.

Aufgrund der digitalen Transformation entstehen neue Berufe. Robotisierung, Automatisierung und Flexibilisierung nehmen zu. Diese Prozesse wirken sich unterschiedlich auf die Geschlechter aus. In einer überwiegend von Männern geprägten Welt der Ingenieurdisziplinen und der Informationstechnik bilden Frauen eine Minderheit. Die Gestaltung der Digitalisierung bleibt eine Männerdomäne. Das liegt sowohl an der immer noch zu geringen Zahl der Absolventinnen der MINT-Studiengänge als auch an dem Mangel von Frauen in Führungspositionen. Dabei kann die Digitalisierung und Flexibilisierung der Arbeitswelt auch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und damit eine bessere Ausschöpfung des Fachkräftepotenzials bedeuten: Modelle wie Home Office und Mobile Working bieten Männern wie Frauen die Möglichkeit, ein höheres Gleichgewicht zwischen Familie und Erwerbstätigkeit herzustellen. Dazu müssen die Möglichkeiten der Digitalisierung aktiv erschlossen und gestaltet werden. Damit die Chancen der digitalen Transformation Allen zugutekommen, müssen Frauen sie stärker mitgestalten. Um das zu können, müssen qualifizierte Frauen schon durch im Studium die nötigen digitalen Kompetenzen erwerben. Um diesem Ziel strategisch näherzukommen, sind Sie heute hier. Damit treiben Sie zentrale Anliegen der Landesregierung voran. Deshalb unterstützen wir die heutige Fachtagung mit Freude – übrigens auch finanziell."

*Es gilt das gesprochene Wort.